Montag, 15. März 2010

FOCUS Reportage

.
.
Anmerkungen zum Fall Joachim Guilliard

Am 25. Juni 2010, wurde Herr Guilliard freigelssen. Nach 1 Jahr, 1 Monat und 11 Tagen Haft, wurde er in allen Punkten der Anklage freigesprochen. Ein spektakulärer Erfolg im Kampf um Gerechtigkeit.


FAC / Technical Writer 26.06.2010



FOCUS REPORTAGE

S
ieben Zeitzonen von Deutschland entfernt überlegt Joachim Guilliard, wie er sein Leben beenden könnte. Ein Buch liegt neben seiner Pritsche, das „Lexikon merkwürdiger Todesarten“. Er sieht sich als Opfer maßloser Ungerechtigkeit, spürt eine kafkaeske Ohnmacht und hantiert im Geiste mit Strick, Rattengift und Rasierklinge. Joachim Guilliard erwägt seinen Selbstmord als letzten Schritt auf einem Weg, der ihn in ein Paradies führen sollte – und in einer Hölle endete. Seit neun Monaten sitzt er hier fest, im Stadtgefängnis von Mandaue auf der philippinischen Ferieninsel Cebu. „Mit jedem Tag hier verliere ich mehr von meiner Kraft“, sagt Joachim Guilliard. Er legt sich auf sein Bett, starrt an die Decke, seine Daumen trommeln auf seiner Brust. Menschenhandel wirft ihm die Anklage vor. Er soll minderjährige Mädchen zur Prostitution gezwungen haben. „Hab ich nicht“, behauptet er. Guilliards Gesicht ist freundlich, ein bisschen blass. Die graublonden langen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Er wirkt viel jünger als 60 Jahre. Ruhig und ganz leise spricht er. Seine Geschichte, wie er sie erzählt, handelt von falscher Freundschaft, Verrat und eigener Naivität. Die Philippinen sind der tropische Traum vieler deutscher Geschäftsleute, Aussteiger und Touristen. Einige von ihnen landen im Gefängnis. Etwa, weil sie Drogen konsumieren, einen Verkehrsunfall verursachen oder sich an Kindern vergehen. Aber auch, weil ihre Geschäftspartner oder philippinischen Ehefrauen sie verleumden, um an ihr Vermögen zu gelangen. Oft warten sie monate-, manchmal jahrelang auf einen Prozess.



S
eit neun Monaten ( Foto rechts ) sitzt der Deutsche Joachim Guilliard im Gefängnis einer philippinischen Ferieninsel – ohne Haftbefehl, ohne Prozess. Der Einzige, der für seine Freilassung kämpft, ist ein Mann, der einen ähnlichen Albtraum durchlebt hat Es regnet, über Cebu hängen dichte Wolken wie ein nasses Tuch. Das Stadtgefängnis ist eine Festung aus Stacheldraht und Beton. 680 Gefangene hausen hier. Jeweils 14 Häftlinge teilen sich eine schmale Zelle. Deckenventilatoren verquirlen die Hitze über Mördern, Vergewaltigern, Betrügern und Dieben. Viele Insassen sind darunter, die sich keinen Anwalt leisten können und von denen niemand so genau weiß, warum sie eingesperrt sind. Es riecht nach Urin und altem Schweiß. Nur Guilliard hat eine Einzelzelle. Für etwas mehr als 3000 Euro hat er sie sich gekauft. Zehn Quadratmeter ist sie groß. Sie enthält eine Dusche, eine Küchenzeile, einen Bistrotisch und zwei Holzregale, auf denen Knödelpackungen und Bücher stehen. Im Fernseher guckt Guilliard über Satellit „Maischberger“ und „Beckmann“. Anfangs hat er viel gelesen. Doch nun, so sagt er, halte er seine Situation nicht mehr aus. Seelisch nicht, körperlich nicht. Er soll seine Unschuld beweisen, sagt die Richterin, sagen seine philippinischen Anwälte. Aber wie? Wenn ihm niemand zuhört, wenn ihm niemand glaubt? Vor fünf Jahren zog Joachim Guilliard auf die Philippinen.

Der Verkauf seiner Firma für Dichtungs- und Kunststofftechnik hatte ihn reich gemacht. Den Rest seines Lebens wollte er in den Tropen verbringen, seiner Leidenschaft für das Tauchen folgen, in einer schicken Villa mit Privatstrand und Schwimmbad leben, sorgenfrei auf Cebu, wo es Sonne gibt im Überfl uss, weiße Sandstrände, schöne Mädchen, Kokospalmen. Er traf Landsleute, die sich ebenfalls in der Fremde ihr Glück sichern wollten. Einer von ihnen wurde sein Freund. Gemeinsam zogen sie durch die Kneipen, tranken Cocktails, grillten Fisch auf Guilliards Veranda. Der Freund wollte Restaurants und Bars eröffnen, aber ihm fehlte Geld. Guilliard half aus, mal mit zwei Millionen Pesos, mal mit fünf. Am Ende hatte er knapp 20 Millionen Pesos, über 300 000 Euro, in den Traum eines anderen investiert. Als die Kneipen liefen, forderte Guilliard sein Geld zurück. Bald darauf, so sagt er, seien Polizisten vor ihm gestanden. Er solle mitkommen, eine Aussage machen. Man steckte ihn in eine Zelle, ohne Haftbefehl, ohne Befragung, ohne dass ihm ein Dolmetscher zugestanden wurde. Was soll sein Verbrechen sein? Wer verdächtigt ihn? Gab es eine anonyme Anzeige? Vielleicht eine Verwechslung? Später erfährt er, Barmädchen hätten ihn der Zuhälterei bezichtigt.

Ich habe mir in meinem ganzen Leben nichts zu Schulden kommen lassen. Ich brauche kein Geld, habe einen guten Ruf und eine Tochter“, sagt Guilliard. „Warum sollte ich so etwas tun?“ Er nennt Zeugen, die ihn entlasten: Bedienungen, Angestellte. Die minderjährigen Barmädchen haben inzwischen ihre Angaben widerrufen. Sie seien, so versicherten sie eidesstattlich, von einer Menschenrechtsorganisation genötigt worden, manipulierte Aussagen zu unterschreiben. Doch niemand scheint diese Zeugen und Informationen zur Kenntnis zu nehmen.Seine philippinischen Anwälte klären Guilliard nicht auf, sie verlangen nur immer neue Honorare. Nur dreimal habe jemand von der Deutschen Botschaft bei ihm angerufen, um zu fragen, wie es ihm gehe. „Dreimal, in neun Monaten!“, schimpft der Gefangene. Die Botschaft nennt deutschen Staatsbürgern Anwälte, bringt Medikamente, falls jemand krank wird, mischt sich aber nicht weiter ein. Guilliard fühlt sich von seiner Heimat im Stich gelassen. Vor dem Gefängnistor steht ein hagerer Mann, er hat es eilig. Austausch mit einem Gefangenen Alfred Lehnert (links) berät ausländische Häft linge und hilft auch Guilliard, von dessen Unschuld er überzeugt ist. Er saß selbst 18 Monate lang in philippinischer Haft . Vor dem obersten Gericht des Landes erstritt er seine Freiheit. Guilliard hat Fotos seiner Tochter an die Wand der Zelle gehängt. Mit ihr telefoniert er täglich Er trägt ein gestreiftes Hemd zu einer dunklen Hose, das Gesicht ein bisschen verlebt, in seiner Hand hält er eine Aktentasche. Darin befi det sich sein Schatz: eine schriftliche Genehmigung der philippinischen Regierung, Ausländer in Gefängnissen besuchen zu dürfen, allein, ohne Aufsicht.



Alfred Lehnert ist der Leiter des Foreign Assistance Center, einer ehrenamtlichen Beratungsstelle. Er boxt inhaftierte Ausländer, die er für schuldlos hält, aus dem Knast – unentgeltlich. Spenden finanzieren sein Engagement. Lehnert kämpft allein. „Engel der Gefangenen“ nennen sie ihn in Manila.60 Ausländer hat der 60-Jährige in den vergangenen drei Jahren aus verschiedenen Gefängnissen geholt: Deutsche, Araber, Kanadier, Neuseeländer. Viele waren Opfer von Intrigen. Von falschen, aber schwer zu widerlegenden Anschuldigungen wie Ehebruch oder Kindesmissbrauch. Nun hat ihn ein Bekannter Guilliards angerufen und um Hilfe gebeten. „Halte durch, Joachim! Wir kriegen dich hier raus“, sagt Lehnert, als er zu Besuch in Guilliards Zelle kommt, und klopft ihm auf die Schulter. „Ich kann nicht mehr!“, antwortet der Gefangene. Zwei Stunden reden sie über seinen Fall. Lehnert tröstet, gibt Ratschläge, beschwört den Häftling, sich nichts anzutun, verspricht Hilfe, tüftelt Strategien aus. Guilliard schüttelt den Kopf und lässt die Schultern hängen. Es klafft eine Lücke zwischen deutschem Rechtsverständnis und philippinischer Wirklichkeit. Guilliard, ob schuldig oder nicht, verzweifelt an seiner Rechtlosigkeit. Lehnert versucht, Brücken zu schlagen. Auch Lehnert, ein ehemaliger Bauingenieur, kam als Millionär in die Tropen. Vom milden Klima versprach er sich Linderung seiner Rückenprobleme.


Er kaufte schnelle Autos, teure Villen und heiratete. Einige Jahre später zeigte ihn seine Ehefrau an – wegen angeblichem Sex mit einer verheirateten Frau. Das war im Jahre 2003. 18 Monate saß er im berüchtigten Ausländergefängnis von Bicutan, im Militärcamp Bagong Diwa am Stadtrand von Manila, zwischen Kakerlaken, Schlangen und Bettwanzen, „so groß wie Daumennägel“. Lehnert kämpfte. Er studierte das Ausländerrecht, ging durch die Instanzen, trug seinen Fall bis vor den Obersten Gerichtshof der Philippinen – und gewann, als erster Ausländer überhaupt, freigesprochen in allen Punkten. Lehnert ist stur. Noch immer verfolgen ihn die Bilder der Haft. Sein Vermögen ist verloren. Die Anwälte haben enorme Summen genommen. Seine Frau hat seinen Besitz verkauft und sich mit dem Geld und der gemeinsamen Tochter in die Niederlande abgesetzt. Lehnert beschloss, trotzdem zu bleiben. „Zu verlieren hatte ich nichts mehr“, sagt er. Er gründete seine Beratungsstelle, um sich für Menschen einzusetzen, denen sein alter Albtaum neu widerfährt. Heute berät Alfred Lehnert die philippinische Regierung und spielt mit Ministern Tennis.


Er heiratete eine hochrangige Polizistin und schrieb mit am Gesetzentwurf für ein verbessertes Ausländerrecht. Die alten Regelungen stammen aus dem Jahr 1941. Der ehemalige Häftling ist ein angesehener Mann. „Die philippinische Regierung hat begriffen, dass auch Ausländer Rechte haben“, sagt er. „Vor allem, weil sie Investoren ins Land locken will.“ Früher sei er reich gewesen, sagt Lehnert. Jetzt sei er glücklich. Er habe etwas gefunden, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Lehnert fährt in einem Taxi durch die schmalen Gassen von Cebu City, vorbei an spiegelnden Bürogebäuden und wackeligen Bretterbuden. Sammeltaxis hupen Passanten von der Straße, es riecht nach gebratenem Huhn, Liebesschnulzen dröhnen aus offenen Fenstern. Lehnert will einen ehemaligen Klienten besuchen. Am Ende einer Seitengasse, auf einem Hügel mit Blick aufs Meer, belegt der 73-jährige Alfred Becker eine Erdgeschosswohnung. Ein lauwarmer Wind weht zum Fenster herein, auf dem Tisch steht ein Glas mit Eistee, im Fernsehen läuft ein Bericht über Haiti. Auf Beckers Knie liegt die Hand seiner jungen philippinischen Freundin Kezia. Er versucht einen Satz in gebrochenem Englisch, aber der Satz misslingt. Kezia sieht ihn an und lächelt. Seine Exfrau wollte ihn abschieben lassen, um an seine Wohnungen zu kommen, erzählt Becker und serviert Würstchen mit Kartoffelsalat. Sie habe einfach behauptet, er hätte sich an seiner Tochter vergangen. Lehnert hat den Fall übernommen – und gewonnen. Nun überreicht er Becker ein Dokument, das ihn freispricht und ihm erlaubt, weiterhin auf den Philippinen zu leben. Lehnerts Verbündeter im Kampf gegen Willkür und Rechtsbeugung ist Commissioner Marcelino C. Libanan, der Chef der Einwanderungsbehörde in der Hauptstadt Manila, ein schwerer Mann mit Brille und Charles-Bronson-Frisur. Er beschreibt sich selbst als „Pfadfi nder, der dem Gesetz dient“. Er sei „ein anständiger Kerl“, meint Lehnert. Einmal die Woche treffen sich die beiden Männer in Libanans Büro in der Altstadt, um sich über Häftlinge auszutauschen oder weil Lehnert mal wieder Libanans Unterschrift auf einem Entlassungspapier verlangt. Manchmal plaudern sie einfach über ihre Familien. Vor drei Jahren übernahm Libanan die Behörde. Damals galt sie als eine der korruptesten im Land. „Es ist eine Schande, was ausländischen Gästen passiert ist“, sagt der Beamte und hebt die rechte Hand wie zum Schwur. „Wir sind kein Verbrechersyndikat mehr. Die Zeiten der Gier und Bestechlichkeit sind vorbei.“ Schmeichelnd fügt er hinzu: „Ohne Alfreds Kampf für Gerechtigkeit hätte sich wahrscheinlich nie etwas geändert.“ Alfred Lehnert nippt an seinem Kaffee und lächelt.


13 Deutsche sitzen zurzeit in philippinischen Haftanstalten. Zuletzt erfuhr Lehnert von einem Tauchlehrer im Ausländergefängnis von Bicutan. Er hatte sein Visum acht Monate überzogen. Alfred Lehnert schüttelt den Kopf über so viel Achtlosigkeit, aber er weiß, dass er wird helfen können, dass der Mann vielleicht schon in einer oder zwei Wochen wieder frei sein könnte. Aus dem Gefängnis von Mandaue erreichen ihn schlechte Nachrichten. Joachim Guilliards Freundin war zu Besuch. Sie hat ihm eröffnet, dass sie einen anderen liebe. Guilliards Anwälte haben noch immer kein Konzept. Sein ehemaliger Kumpel ist abgetaucht. Die zuständige Richterin ist nicht zu erreichen. Sie sei auf Dienstreise, heißt es. Lehnert ist wütend. „Da wird ein Leben zerstört, und niemanden interessiert das“, sagt er und schlägt sich mit der fl achen Hand auf den Oberschenkel. Commissioner Libanan kann in diesem Fall nichts ausrichten. Wieder telefoniert Lehnert mit Richtern, Politikern, Anwälten, vollkommen überzeugt von Guilliards Unschuld. Er gewinnt den Kardinal Vidal als Mitstreiter. Der höchste katholische Würdenträger des Landes verspricht, Guilliard zu besuchen, ihn zu segnen und sich für ein faires und zügiges Urteil einzusetzen. Für den Dienstag dieser Woche, den 2. März, ist endlich ein Termin angesetzt. Das Gericht von Mandaue verhandelt den Fall Joachim Guilliard.

.


Reportage aus Heft 09/2010

.

.

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen